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Texte von Jona Jakob 2010
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Dez
10 |
Nachmittags Bei mir gibt es eine Aussicht. Es liegt da der Main
zwischen den Ufern blattloser Büsche. Seine schlammtönerne Kälte wirkt.
Gegenüber ist Bayern, was ich stets komisch finde. Dort liegen Felder, da
kein Baum die Sicht darauf verdeckt. Schwemmland. Erst weiter hinten folgt
etwas Industrie und dahinter erheben sich am Horizont die Weinberge des
Spessart. Heute liegt Schnee und über allem steht in Grau der Himmel. Der Blick ist jener auf ein historisches Landschaftsbild, gemalt in tristem
Öl und schwer gerahmt, fast bürgerlich und etwas aus der Zeit. Über die
Felder ziehen, je nach Jahreszeit, Tiere. Ein Rehpaar und ein Fuchs heben
sich im Winter gut gegen das Weiss des Schnees ab. Kormorane balzen. Und
Rammler prügeln sich die Pfoten um ihre langen Ohren, wenn es Frühjahr wird.
Hunde und Pferde werden von Menschen getrieben. Die passen nicht wirklich
ins Daliegende. Sie wirken zielstrebig und das strahlt die Landschaft nicht
aus. Sie strahlt nichts Nennbares aus. Sie liegt einfach da und das scheint
es zu sein, womit sie mich erreicht. Ab und zu kreuzt ein Frachtkahn auf dem Main durch das Bild. Leise und
stoisch fährt so ein Pott an den Rhein oder ins Schwarze Meer, was weiss
ich. Die schiebende Bewegung des Kahns hebt dabei das Daliegende der
Landschaft hervor - ein paar Wellen noch, dann scheint wieder alles wie
zuvor. Ich vergesse dann manchmal, dass jemand anrufen könnte und fahre zusammen. JJ / Dez 2010 |
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Aug 10 |
Von der Milde Manchmal gibt es Momente, wo einem die Dinge, die
Geschehnisse und Begegnungen weich vorkommen, langsam und rücksichtsvoll.
Man spürt förmlich, dass man nicht übergangen wird. Da ist ein Fragen, ein
Anklopfen, ein Platzmachen. Und dann entsteht ein Beisammensein, welches
sich im Gegenseitigen nährt und sich vertraut.
Manchmal entsteht aus dem Nichts ein Dialog, ein Tauschen. Manchmal scheint
die Sonne dann tagsdrauf im weichen Maisgelb ihres Herbstes. Die gewählte
Musik ist leiser, langsamer, klanglich tiefer.
Man ruht in sich selbst, den Kopf leicht schief, das kleine Vermögen an
Demut zu unterstreichen und ein Lächeln als Anteil am Glück.
Tiere schleichen sich an und Kinder müssten sich heranlegen und einschlafen.
Man ist satt wie ein Blütenstempel, klebrig, fruchtsam, nahrvoll und duftend
und ist da, komme wer da möge.
Das gibt einem eine Tasse Tee, ein offenes Fenster, ein sanftes "Hallo" und
ein Verstehen, das nicht gleich schon reden muss.
Es fliessen Hände.
Jona Jakob, Okt 2010, kontextlos |
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Aug 10 |
(Heiniger) Heiniger hatte getan, was von ihm verlangt wurde. Es
war als Bub zur Welt gekommen, hatte nie geweint, kannte als Indianer keinen
Schmerz und absolvierte Pfadi und Turnverein wie seine Schulen. Weil das
Gymi dem familiären Anspruch entsprach, schaffte er seine Matur und da der
Vater darauf was hielt, studierte er Rechtswissenschaften in St. Gallen. Er
war ein Dr. jur. HSG, international vernetzwerkelt, bestens ins OBNW
integriert und auch im Militär hatte er es bis zum Oberst geschafft. Kurz:
jede mittelständische Bank riss sich um ihn und dann war da Linda, dünn,
lapprig, willfährig und heiratswillig. Sie passte zu ihm und er passte zu
ihr. Jedenfalls sahen das die beiden Familien damals so. Heirat, Kind, Haus,
zweites Kind, Eintritt in die Anwaltskanzlei von Matt, Albstatt und
Partner... - es sah für alle andern wirklich gut aus.
Jona Jakob, Aug 2010, kontextlos
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Aug 10 |
Nacht-Café Er fühlte sich ganz wohl
dabei, dass die Kaffeebar leer war und er sie ganz für sich alleine hatte.
Die Bedienung war mit letzten Arbeiten beschäftigt, räumte Gerätschaften aus
und rieb Gläser trocken. Tassen schepperten, Löffel klirrten. Er selbst nahm
den Raum in sich auf, alles, was an Wärmen, Gerüchen, Lichtern und
Eindrücken möglich war. Dann atmete er aus, während er den Streuzucker unter
den Milchschaum rührte.
Er sass da und liess die Zeit sterben. Ihm war danach. Allein im Irgendwo.
Ihm passte das und so schrieb er ein paar wenige Zeilen für sich. Die
Eingangstür am Ende des Raumes ging kurz auf und ein athletisch tüchtiger
young urban failure legte einen Stoss frische Tableauformate auf den Tresen,
die 20-Min, die in jeder Stadt verteilt wurden. Kein wirklicher Lesestoff,
das Kreuzworträtsel war ok.
Er hatte noch gute vierzig Minuten, bis er in die Nacht entlassen wurde. Das
fand er wunderbar, genoss sein Vergessensein in der abgelegenen Ecke,
schlurpte am Milchschaum rum. Da er kein ordentliches Papier bei sich hatte
und ihm das karrierte Blatt vom Notizblock zu ernüchternd wirkte, hatte er
sich in einer Glanzpostille eine Werbeanzeige mit grossen und leeren
Hintergrundflächen gesucht. Jetzt schrieb er Zeilen um die Taille einer
Ikone.
"Fleur, wie mag es dir gehn? Leise die Tage, schwankend, von Wellen
getrieben. Wenn ich schreibe und meine Brust dabei erhitzt, gibt es sich,
dass ein Hauch von Dir hochzieht und sich verflüchtigt. Es ist mein Glück,
dass du dir den Pulli geschnappt hattest, damals an jenem Dienstag, als wir
auf den Zug warteten. Hauch, in wenig Zeit geh ich in die Nacht - adieu, ich
begleite Dich zu jeder Zeit des Tages."
Es quitschte eine Tram am Haus vorbei. Es war draussen etwas kühler und
vorallem war da jenes späte Gefühl, das in ihn heimkehrte, wenn in der Nacht
der Moment entsteht, wo er für sich meinte, alles stünde langsam still. Den
Wagen starten, folgend dem, was die Lichtkegel hergaben. Nicht links, nicht
rechts. Vielleicht einen Mundwinkel hochziehen, wenn Chris Isaak gespielt
wurde.
Jona Jakob, Aug 2010, kontextlos
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Feb 10 |
Es war beider
winterliche Kleidung, welche bemühte Handgriffe tumb machte. Es gelang
nicht wirklich, einzelne Finger, den Daumenballen oder die
Handinnenflächen als Zärtlichkeiten anzudrücken, zu dick die Schichten an
Pullovern, Jacken, Übermänteln. So standen sie im Wind einer Hängebrücke
Mitte und sahen nirgendwo sonst hin, ausser kleinwenig in des andern Haar
oder Ärmel hinein, den Blick nah und die Lichter am Horizont verschwommen.
Passanten sahen kurz rüber, schwiegen aber. Vielleicht wurde etwas von der
Ausdrücklichkeit spürbar, mit welcher sich die beiden in der Umarmung
lagen. Es verging eine Stunde oder zwei, ihnen war's egal. Keiner fror
oder war innerlich sonst wo, ausser eben in diesem Gefühl des andern, dem
er zuvor begegnet war und den er nun nicht kannte. Ein Kohleschiff
schipperte unter dem Gehsteg vorbei. Da schlich sich ihm das Klischee ein,
bei der Löschung umklammert in Totenstarre gefunden zu werden, wäre ... -
"Vergiss es!"
JJ, Feb 2010
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