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Jona Jakob |
Interview |
| Hochbegabungswelt führt das Interview mit Jona Jakob |
| Vom Marketing-Chef zum Coach |
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Hochbegabungswelt:
Früher hiess es: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Bei Ihnen heisst die
Headline: Vom Marketing-Chef zum Coach. Was hat Sie bewogen, das
Machtzepter ‚Marketing’ aus der Hand zu geben – und einen hochbegabten
und/oder hochsensiblen Mitmenschen – zeitweise – in den Mittelpunkt
Ihres Denkens und Fühlens zu stellen?
Jona Jakob:
Mich bewog die Entscheidung, mich entweder unter das geistige
Vermögen meines Patrons zu stellen oder mich davon zu emanzipieren. Mein
Entscheid war von den philosophischen Gedanken und meiner
existenzialistischen Erziehung geprägt, mich lieber in die kritische
Distanz zu befreien, denn mich mit 34 Jahren geistig unterzuordnen. Ich
wusste, ich mag mich nicht einordnen, ich würde zu sehr darunter leiden
und machte mich daher selbständig. Das war vor 13 Jahren.
Es blieb mir die Dozenten- und Beratungstätigkeit und immer häufiger
wurden aus den projektbezogenen Aufträgen persönliche Beratungen. Obwohl
ich zeitlebens Menschen beriet, damals schon in der Schule und später in
der Jugendclique, bündelte sich das Coachen vor vier Jahren zum
Schwerpunkt meiner Tätigkeit, drei davon mit der Entdeckung meiner
eigenen Prägungen an Hochbegabung und Hochsensibilität.
Das Erkennen dieser Einflüsse ging mir so heftig in Fleisch und Blut
über, dass ich mein Leben insgesamt erkennen und verstehen konnte. Ich
sah meine Buntheit und meine Stärken, aber ich erkannte auch all die
Missverständnisse, Konflikte, Unwägbarkeiten und Verluste, welche im nie
wirklich ganzen Verstehen dieser mir damals noch nicht bekannten
Differenz zu den 'Normalos' lagen. Anfänglich freute ich mich erst
einmal über die sich neu ergebenden Möglichkeiten. Erst mit etwas
zeitlichem Abstand ging ich auch an die unangenehmen Momente der Jahre
zuvor heran und da lief dann auch mal die eine oder andere Träne. Es
wäre unvorstellbar viel besser gewesen, ich hätte über meine
Hochbegabung (HB) und Hochsensibilität (HS) früher Bescheid gewusst.
Seit dem Kennenlernen und Analysieren meiner HB hatte ich keine
'Verluste' mehr, weder zwischenmenschliche noch materielle. Ich agiere
ohne grössere Unverstandenheit, weil ich mich und andere in Begegnungen
besser spüren und damit moderieren kann. Ich arbeite seit drei Jahren
erfolgreich und erfreue mich eines guten Lebensgefühls. Die mit der
Erkenntnis um HB und HS gewonnenen Möglichkeiten der Moderation, die
veränderte Kommunikation und die hohe Motivation wegen der guten
Resultate, lassen es in mir zum Anliegen heranwachsen, Menschen dieses
Thema näher zu bringen. Es ist ein wunderbares Geschenk, die Möglichkeit
zu haben, Erwachsene mit ihrer persönlichen Hochbegabung vertraut zu
machen, mit ihnen die eigenen Anteile daran herauszuarbeiten und sie
gemeinsam zu erörtern. Es ist in den meisten Sitzungen eine
erleichternde Freude meiner Klientel, für sich neue Wege und
Möglichkeiten zu entwickeln, um aus dem alten 'Missverstehens-Drama’
heraus zu einem gelingenden Miteinander zu gelangen.
Mich hat also nichts bewusst 'bewogen' - meine seit Kindheit
reflektierende Natur liess mich - zum Glück - meinen Weg finden. So auch
den Weg meiner Lebensstationen:
Ich kam in Bern zur Welt und wuchs dort auf. Mit 25 zog es mich förmlich
nach Zürich, weil ich bei einer Werbepräsentation eloquent "plattgebügelt"
wurde. Die Zürcher hatten für mich eine ungewöhnlich fordernde Sprache
und schon auf der Heimfahrt fühlte ich: "Dort muss ich hin". Ich lebe
seither in Zürich, der wohl forderndsten und schnellstsprechenden
Sprachregion der Schweiz. Doch nach über 20 Jahren hat mir auch das
nicht mehr gereicht - heute lebe ich in Frankfurt, habe ein privates
HBler-Umfeld und bin wieder bei der Erkenntnis angelangt, dass ich eine
tägliche Portion kommunikativer und geistiger Auseinandersetzung
brauche, sonst erfasst mich eine Form ungesunder Lethargie.
Hochbegabungswelt:
Ihr Bekenntnis: „Ich mag Menschen!“ klingt einerseits selbstverständlich
– tun wir das nicht alle? – andererseits ist das in der heutigen Welt,
in der fast jeder nur an sich selbst denkt und an den anderen Menschen
immer seltener echtes Interesse hat, eine bizarre Ausnahme. Was
fasziniert Sie an Menschen?
Jona Jakob:
Der von mir geschriebene Satz lautet: "Meine grösste Stärke liegt
darin, dass ich Menschen gern habe". Ich bin von drei zum Teil
widersprüchlichen Schulen geprägt:
Da ist zum einen die Erziehung durch meine existenzialistisch
orientierten Eltern. Besonders mein Vater prägte mich in dieser nackig
machenden Denkform, die von den meisten Menschen eher 'negativ'
ausgelegt wird. Ich kann heute jedoch das Blanke und Franke daran auch
lieben. Wo sonst sollte Ethik oder Integrität beginnen, wenn nicht am
unbeschönigten Grund der Dinge?
Dieses kritische Denken brachte mich als Marketingleiter in der Welt des
Managements weit und führte mich zu grösseren Aufgaben. Die
Betriebswirtschaft und Führungslehren prägten mich insofern, dass nicht
einzig der Mensch im Mittelpunkt stehen kann, sondern Sachziele ebenso
nach Verantwortung rufen, die uns Menschen reichlich leiden lassen
können.
Drittens ist da die mit über 40 Lebensjahren abgeschlossene Ausbildung
zum Gesprächsberater, im Sinne von Carl R. Rogers, der den wertfreien,
personenzentrierten Ansatz lehrt, eine Form höchster empathischer,
wertfreier Annahme dessen, was ist. Diese fünf Jahre Entwicklung liessen
mir meine Persönlichkeit einige Mal auf meinen Grund gehen.
Der erste Teil des Satzes zum Punkt, Menschen gerne zu haben, deutet auf
die Selbstreflexion, ob ich denn überhaupt Stärken habe und welche davon
ich für die grösste halte. Der zweite Teil äussert sich zu einer tief
empfundenen Verantwortung, die ich seit Geburt über meine Eltern hinaus
lebe, welche sich auf meinem Weg in vielen Geschichten und Begebenheiten
finden lässt und die für mich nicht als eine Blindheit verstanden werden
sollte, sondern dass das 'Gernehaben' auch das Negative, Scheiternde,
Verlierende, Böse, Schwache, Riechende und Durchnässende des
Menschlichen mit einschliesst. Mir ist in dem, was 'Mensch' alles sein
kann, kaum etwas fremd. Und ich habe es gern.
Ob es 'bizarr' sei, eine solche Haltung zu fühlen und zu ihr JA zu sagen
oder eher umgekehrt, ob es sonst etwas sein könnte, keine solche Haltung
in sich zu finden … das möchten ich die Leserschaft selber empfinden
lassen?
Hochbegabungswelt:
Sie coachen bevorzugt hochbegabte und hochsensible Menschen – in der
Schweiz und in Deutschland. Aus Ihrer Wahrnehmung: Was ist das
Charakteristische im Hochbegabten-Coaching? Und: Hat sich für Sie ein
Länder-Unterschied gezeigt? Wenn ja: Was ist beim Coaching in Zürich
anders als in Frankfurt/Main?
Jona Jakob: Zur
ersten Frage: Ich 'bevorzuge' nicht. Ich versuche, jeden Menschen
annehmen zu können und wenn ich dann einen Auftrag erhalte, dann
begleite ich diesen Menschen im Sinne eines Coachings zu seinen Anliegen
bzw. Zielen.
Damit kommen wir zu den Aspekten des 'Charakteristischen im
Hochbegabten-Coaching'. Obwohl für die Definition der Hochbegabung das
messbare Bild des Intelligenzquotienten herbeigezogen wird, bei der auf
einer Gaußschen Kurve 100 Punkte mit 'normal' und 130 Punkte mit
'hochbegabt' bezeichnet werden, habe ich damit meine Mühe. Ich mag das
stehen lassen, aber es zählt für mich nicht ausschliesslich. Die höher
ausgeprägten Fähigkeiten können auch in anderen Bereichen bestehen, als
jene, welche diverse Tests als IQ-Punkte belegen. Daher verändere ich
dieses Bild und lege es so aus: Es gibt 10er-Muttern und
10er-Schraubenschlüssel (IQ 100) und es gibt 11er, 12er, 13er, 14er
Muttern bzw. dazu passende 11er, 12er, 13er und 14er Schraubenschlüssel
(IQ >110, >120, >130, >140). Jeder Mensch kennt das Problem, wenn z.B.
an einem Lavabo der Schraubenschlüssel aus dem Werkzeugkasten die grosse
Schraubenmutter nicht wirklich zu 'fassen' kriegt. Oder umgekehrt, wenn
das Werkzeug gut passt und es daher möglich wird, die Mutter zu
'erfassen'. Sie wird dann nicht verletzt, man rutscht nicht an ihr ab
und … es passt einfach.
Daher, der für mich wichtigste Aspekt als Coach für Hochbegabte ist es,
dass ich selber in der Lage bin, den Betroffenen bzw. Beglückten in
seiner Lage authentisch zu erfassen können. Das bedeutet: diesen
Menschen ganz verstehen und ganz fühlen können. Das scheint mir eine
grundlegende Bedingung. Denn nur so kann ich mich m.E. in die mit der HB
und HS verbundenen Aspekte einfühlen und die Klienten empathisch
annehmen.
Die meiste Äusserung von Coachees ist prompt: "Noch nie habe ich mich
von jemandem in so kurzer Zeit so ganz verstanden gefühlt." Das zeigt
sich in glatter Gesichtshaut, in einsackenden Sitzhaltungen, im
aufkommenden Lachen, in kurzen, klaren Sätzen (anstelle von anfänglichen
Vierfachwiederholungen, eben als 'verstünde' ich nicht).
Der zweite Aspekt ist es, dass ich mit den eigenen Erfahrungen die
Entdeckung der Hochbegabung als Erwachsener in seiner Vielfältigkeit
kenne. Erneut ist es mir nicht fremd, wenn erwachsene Menschen von
unsäglichen Kindheiten erzählen, in denen besonders Frauen ungeschult
bleiben sollten, Linkshänder von den eigenen Eltern für 'Dubelis'
erklärt wurden und jede Unkonventionalität, jedes Anderssein 'im Dorf /
in der Kirche' nicht geduldet und mit Strafe und mit Verstecken geahndet
wurde. Zu bedenken ist, dass ich selber einen 1962er-Jahrgang habe.
Viele meiner Klienten wurden zwischen 1950 und 1970 geboren und damals
waren zahlreiche psychosoziale Erziehungsaspekte der heutigen Zeit nicht
bekannt. Die konservativen, bürgerlich und kirchlich geprägten
Konventionen, welche Eltern als vormalige Kriegskinder zu
Erziehungsformen führten, prägten so manche Jugend junger Menschen, die
heute als Erwachsene ihre Begabung entdecken und damit viele Jahre
später eine Möglichkeit finden, endlich aufblühen zu können. Mir ist es
dann nicht fremd, wenn mir Menschen von fehlendem "Gefühlt-werden"
erzählen, von Unverständnis, von Ablehnung, von vielen Aspekten des
konfliktbeladenen Erziehens, dem man in seiner Unkenntnis über die
HB-Prägung einfach nicht zu entsprechen vermochte und als Kind im
Kindergarten, in der Schule oder zuhause immer wieder auffiel.
Auch die zahlreichen Konflikte in Klassen, Gruppen, Teams, Abteilungen,
Ortschaften, Familien und Vereinen liegen in mir auf der Hand und wenn
ich sie von Klienten erfahre, dann entsteht im Raum dieses
unbeschreibliche Gefühl, schweigend bereits zu spüren, worin wir uns
gerade verstehen.
Eine zweite Charakteristik des Coaching mit Hochbegabten ist es, dass
ein Verstehen möglich wird, welches sonst über lange Jahre nicht
bestand. Das lässt Menschen noch im reifen Alter entspannen, annehmen,
verstehen und glücklich werden. Ein Coaching mit einem Erwachsenen, der
für sich seine Hochbegabung und/oder seine Hochsensibilität entdeckt,
ist die schönste Arbeit, die ich je erfüllen durfte.
Die zweite Frage: Hat sich für Sie ein Länder-Unterschied gezeigt? Wenn
ja: Was ist beim Coaching in Zürich anders als in Frankfurt/Main?
Nach zwei Jahren Leben in Deutschland und dabei die Gelegenheit zu
erhaltend, von hier aus die Schweiz zu sehen, möchte ich mit einer
'plakativen' Antwort auf den Punkt kommen. Meinem Erachten nach erlebe
ich die beiden Länder in folgendem am unterschiedlichsten:
In Deutschland ist es angesagt, auf Gesagtes unmittelbar eine Antwort zu
liefern. Das 'Sofortige' in der Antwort ist teilweise wichtiger, als die
darin liegende Weisheit. Hauptsache, man hat gleich was gesagt. In der
Schweiz ist es angesagt und angeraten, auf Gesagtes erst einmal den Mund
zu halten.
Das klingt pauschal, es ist vermutlich ungerecht und wirkt provokant.
Beide Verhaltensmuster haben aber ihre Vor- und Nachteile in sich. Beide
Kommunikationsformen enthalten ihre klugen wie auch ihre verhinderten
Anteile.
Das bringt in der Begegnung mit dem Coachingkunden eine sehr
unterschiedliche Situation. In Deutschland habe ich eher die Situation,
dass der Kunde mit einem hohen Ego-Drive kommt, sagt, meint, behauptet,
argumentiert und von vielen Dingen Bescheid zu wissen scheint. Diesen
Drive, der mir oft wie ein unnatürlich wirkende Zsunami vorkommt, gilt
es soweit zu beruhigen, dass der vor mir sitzende Mensch von seiner
Konditionierung des "Liefern-Müssens" abkommen kann, um dann mit einer
vertrauensvoll gewonnenen Ruhe zu seinen eigenen Gefühlen und Gedanken
zu gelangen. In Deutschland sind die Kunden geradezu verblüfft, dass ein
Coachinggespräch von sehr viel Ruhe, Gelassenheit und Entspannung
geprägt sein kann und dennoch mehr hergibt, als der vermeintlich
gescheite und schnelle Schlagabtausch. Zudem geniessen viele, in der
Ruhe eine Art Raum zu erfahren, in welchem eigene Gefühle Platz finden,
womit das Gespräch gänzlich beim Klienten bleibt und einzig sie oder er
im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.
Das Umgekehrte ist es in der Schweiz. Hier kommt anfänglich mehr eine
Undurchdringlichkeit von Schweigen. Die ersten Angaben bleiben an der
Aussen- oder Oberfläche und erst mit der Zeit werden die beschriebenen
Geschehnisse wahrhaftiger und in trefflichen Worten mitgeteilt. Diese
ersten Erläuterungen haben manchmal etwas Harziges, Zähfliessendes und
erscheinen gefühlt als noch nicht am Grund der 'persönlichen
Empfindungen' der Klienten. 'Underachievement', Tiefstapelei, wie es die
Fachwelt zum Thema Hochbegabung kennt, ist m.E. in der Schweiz eine sehr
weit verbreitete Erscheinungsform, die nicht selten mit einem höheren
Leidensdruck verbunden ausgedrückt wird. Dramatisch war einst zu
erleben, dass eine Mutter dieses verdrängte Schweigen an ihre Tochter
weitergab, gerade im Glauben bestärkt, damit für ihr Kind das Beste zu
tun und es so vor dem eigenen Schmerz zu bewahren.
Was in Bezug aufs Schweigen meistens hilft: Die HB-Prägungen, das Bunte
dieser Gemüter, es weiss immer eine Geschichte zum Besten zu geben, da
ist immer etwas da, womit ein Anfang gemacht werden kann. Mündet so ein
Aufbrechen und Aussprechen in ein empathisches Verstehen, ein Mitfühlen
von Leid und Erleichterung, sitze ich nicht zu selten von einem
weinenden Gesicht, das anfängt fröhlich zu lachen und strahlend
hervorzublicken.
Eines möchte ich aber nicht falsch verstanden wissen. Ich arbeite als
Coach. Ein Coach erhält den Auftrag, mit jemandem ein Ziel zu erreichen.
Das kann sein, erst einmal Ziele herauszuarbeiten oder eine
Arbeitsstelle zu bekommen, ein Mobbing zu verhindern, Entscheidungen
besser fällen zu können (Selbständigkeit, Investition,
Orientierungswechsel), Verhandlungsgespräche vorzubereiten
(Vorstellungsgespräch, Lohnverhandlungen, Jahresgespräche) oder die Wahl
einer Ausbildung zu treffen bzw. diese dann durchzustehen und
erfolgreich zu bestehen.
Wenn jemand mit seiner HB oder HS einen psychologischen Bedarf hat, z.B.
Ängste zu verlieren oder Traumata aufzuarbeiten, dann gehört das nicht
in den Bereich eines Coachingauftrages. Ein Coaching ersetzt keine
Psychotherapie. Ein Coaching ist und bleibt eine Hilfe zur Selbsthilfe,
was eine Form des Managements der eigenen Lebensführung ist, Leadership
fürs Eigene. In einem Coaching ist die/der Auftraggeber/in in
Selbstverantwortung willens, den eigenen Prozess selber zu gestalten und
zu optimieren.
Hochbegabungswelt:
Was tun Sie, damit hochbegabte Menschen ihr eigenes Leben optimieren?
Und wie tun Sie es?
Jona Jakob: Wenn
sich Coaching mit Themen der eigenen Selbst- und Lebensführung oder der
Gestaltung der Arbeitssituation befasst, dann geht es dabei inhaltlich
am meisten um Entscheidungen des "WIE?". Hierfür habe ich eben von der
Möglichkeit erzählt, das Leben mit dem Kennen der eigene HB besser
'moderieren' zu können.
Der personenzentrierte Ansatz von Carl R. Rogers versucht, dass Klienten
möglichst eigene Lösungen spüren/fühlen, so dass sie dann ihre möglichen
Schritte erkennen und auswählen können, die sie persönlich als nächstes
machen möchten.
Solche Lösungsansätze kann ich dann von meiner Seite her mit
philosophischen Gedanken im Bereich Werte ergänzen. Das gleiche mit den
Gesetzen der Betriebswirtschaft, des Managements und der Führung.
Darüber hinaus helfen unterschiedlichste Verfahren, wie das zirkuläre
Fragen oder wenn sinnvoll, die provokative paradoxe Intervention oder
klassische Managementgrundsätze aus Planung, Entscheidung, Ausführung
und Kontrolle. Last but not least zählen sämtliche Kenntnisse der Ich-,
der Sozial- und der Methodenkompetenz dem, was heute als 'Leadership'
gelehrt und entwickelt wird.
Danach entsteht meist eine Palette an Lösungswegen, aus welcher der
Klient seine ganz eigene Variante fühlt und wählt, welche ihm aber auch
eine breitspektrale Versiertheit gewinnen lässt, welche neue
Kombinationen als mögliche Lösungswege gewährt.
Das eigene Leben als HB-Geprägte zu optimieren, scheint mir darin zu
liegen, mit seinen Mitmenschen die Differenz zwischen 'normal' und
'hochbegabt' mittels Brückenfunktionen harmonischer gestalten zu können.
Damit gelingt es dem Hochbegabten, sich je Situation einzustellen und
sich einmal zu 'fügen' oder ein anderes Mal eigene Ansätze so zu
liefern, dass die andern davon nicht gleich überrannt werden. Ausserdem,
beziehungsmässig würde ich meinen, sind Hochbegabte und Hochsensible
wunderbare Verführer/innen, Liebesbriefeschreiber/innen,
Liebhaber/innen. Hochbegabte Menschen erlebe ich, so mein persönliches
Empfinden, "Lebens-Werte-orientiert", also mehr 'seiend', was dem
'Habenden' und dessen ganzen Sammlerei, Horterei und Verteidigerei
gegenüber stehen kann.
Gehe ich z.B. in meinen Verein, 'moderiere' ich mich noch auf dem
Parkplatz. Ich liebe diesen Verein. Ich setze mich mehrheitlich zu
anderen bunten Menschen und sonst pflege ich das aktive Zuhören. Frage
ich nach, erhalte ich reichlich Information. Möchte ich einen Vorschlag
machen, 'liefere' ich "1" (nicht 32!!!) - das mag nun klingen wie es
will … es hat bisher beiden Seiten den Weg zum Miteinander ermöglicht
und das ist m.E. die beste Optimierung, die ich beobachten konnte. Last
but not least gewann ich damit einen nicht zu unterschätzenden, neuen
Zuspruch seitens der Normalos. Sie wollen gerne eine neue Idee - aber
nur eine, bitte… (lacht)!
Solch moderierten Umgang mit dem eigenen Gaspedal lässt mich und die
Klientel die Pferdestärken auf den Boden bringen. Und das ist pure
Kraft, die es wert ist, zu erkennen und zu fördern.
Eine Sache ist mir wichtig: Es gibt meines Erachtens keine HB-bedingte
Lebensführung. Das würde mir die Erscheinung zu heftig stigmatisieren.
Es gibt eine Lebensführung, die einfach allen Menschen im gebürtigen
Umfeld anfällt. Auch als HB oder HS geprägter Mensch muss ich meine
Konditionierungen bzw. Erziehungen erkennen, muss ich mich mit meiner
Lebensphase befassen, habe ich die Selbstverantwortung zu erkennen und
mich als Persönlichkeit zu entwickeln. Erst eine sattelfeste
Ich-Kompetenz vermag das Zeug zu einer authentischen Sozialkompetenz.
Das ist heute soweit verbreitet, dass sich nach diesem Grundsatz
Tausende von Managern in der Kunst von 'Leadership' nachträglich
ausbilden. Ich-Kompetenz steht beim Ausbildungsbedarf und dessen Zielen
ganz oben. Schon möglich, dass ich mit 30 Jahren mein Studium und mein
MBA in der Tasche habe. Das bedeutet nicht, dass ich von mir oder den
andern eine verantwortungsvolle Ahnung hätte.
Ich prägte den Satz: Es mag sein, dass jemand gebildet ist - das
bedeutet nicht, dass man deswegen auch schon entwickelt wäre.
Hochbegabungwelt:
In den Entwicklungsverläufen von Coachings gibt es immer wieder Höhen
und Tiefen. Was war aus Ihrer Erinnerung ein Höhepunkt? Wie haben Sie
das erlebt, als es besonders gut gelaufen ist?
Jona Jakob:
Da gäbe es viele wunderbare Erlebnisse. Die schönsten Geschichten
sind jene, wo die Auftrag erteilende Person sich selbst in die Hand zu
nehmen vermag und dabei nur noch ab und zu berichtet, wie und wo sie auf
dem Weg ist - allenfalls nachfragend, ob diese oder jene Reflexion so
oder so betrachtet werden könnte. Solche Kundinnen und Kunden, ob mit 22
oder mit 55 Jahren, ob als Doktorand oder Unternehmerin, als Mutter und
Tochter oder einfach Angestellte, gewannen den Blick auf sich selber und
wissen auch, wann sie eine Frage gerne neu mit mir anschauen möchten.
Sie gehen ihre Weg, erreichen ihre Ziele, gewinnen an Persönlichkeit und
glücklicher Zufriedenheit und sind sich nie zu schade, für eine
Erkenntnis aufs Eigene zu blicken, es annehmend, um dann daran zu
arbeiten. Sie pflegen das Eigene wie die Pflege der eigenen Gesundheit.
Sind es hochbegabte oder hochsensible Personen fühle ich selber so
etwas, wie wenn diese Menschen zu 'Botschafterinnen und Botschaftern der
Hochbegabung bzw. Hochsensibilität’ werden.
Hochbegabungswelt:
Und wie sah es für Sie aus, als es mal nicht so klappte wie erhofft?
Jona Jakob:
(Lacht) Da bin ich ganz nahe bei den Ausführungen von Andrea
Brackmann im Buch "Jenseits der Norm - hochbegabt und hochsensibel". Es
ist mir zwei Mal passiert, dass mein Handeln das Verhältnis belastet,
beide Male wegen derselben Sache, aber mit zwei verschiedenen Klienten.
Ich habe daraus viel gelernt.
Es wird z.B. dann schwer und sozusagen 'abreissend', wenn ich meine
Authentizität verliere. Wenn ich abschweife, meine Empathie ausdünnt,
wenn ich intellektuell nicht mithalten kann (da greift mein
Schraubenschlüssel nicht mehr, weil vielleicht zu fordernd, zu fremd
oder fern). Oder wenn mein Handeln den Verdacht aufkommen lassen kann,
dass ich das gemeinsame Verhältnis nicht wichtig genug nehme.
Es ist kaum möglich, HBs oder HSPs etwas vorzumachen. Denen ist dafür
eher egal, wenn die Schuhe mal nicht ganz blitzblank sind oder sonst was
nicht so perfekt gestylt daherkommt. Aber in der Haltung, der
Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit und in der Empathie verlangen sie das
Ganze - daher, wann immer ich selber lavierte, erhielt ich prompt die
Distanzierung.
Wie Andrea Brackmann es ebenfalls beschreibt, so gab es Momente, wo ich
den Eindruck gewann, ich werde von Klienten geprüft. Da hilft ebenfalls
kein 'unechtes, geblufftes Vorgeben' - da hilft nur nackte
Authentizität, egal wie schwächelnd man auch als Coach einmal sein kann.
Doch wie im Buch gezeigt, verdichtet sich das Verhältnis nach solchen
anfänglichen 'Brüchen' und es wird möglich, miteinander zu arbeiten.
Hochbegabungswelt:
Von was träumt ein Hochbegabten-Coach? Sie haben einmal geschrieben: ein
Segeltörn in der Seenlandschaf Müritz, nahe Berlin oder der Welt
Literatur schenken können und ein Lausbub sein – gibt es neue Visionen?
Jona Jakob:
An dieser Stelle möchte ich erst einmal jenen Menschen danken,
die mich werden liessen. Da gibt es zwei Schweizer Trainer. Doch
speziell: Viel Kraft und Selbstsicherheit, die ich heute lebe, verdanke
ich besonders einer Mentorin hier in Frankfurt. Durch sie gelang es mir,
mich durchschlagend zu erfahren und daher mich werden zu können. Ich
möchte ihr an dieser Stelle einen besonderen Blumenstrauss binden und
"Danke!" sagen.
Mein Traum heute wäre, mit einem Frachtschiff von meinem momentanen
Lebensort am Main nach Rumänien zu shippern, eine empathische Reise, in
der ich im Sinne einer Verszeile von Peter Handke "über die Dörfer
gehe", … um ein Buch zu schreiben. Mich zieht in diese nahen Ostländern
ein Verstehen, von dem ich glaube, es in mir selber bereits zu tragen.
Neu gewonnene Erkenntnisse reifen in mir dahin, in meinem eigenen Sein
eine Qualität zu finden, mit der Mitmenschen von ihrer Konditionierung
der Erziehung (Dualismus) in die Selbstverantwortung und persönliche
Emanzipation sowie das Selbstgefühl gelangen können.
Meine Vision ist es, eine Haltung zu erlangen, mit welcher Menschen
ihren Weg finden, 'Sich' zu werden und nicht 'Jemand'.
Hochbegabungswelt:
Wenn die berühmte Fee käme – Sie hätten drei Wünsche frei: Was dürfte es
denn für Sie persönlich sein?
Jona Jakob:
In der Silvesternacht vom 1980 auf 1981 schrieb mir mein Vater
einen Brief der mit folgenden Worten endet:
Suche die Freiheit so heftig Du vermagst; aber Du wirst Dich nie
befreien können von einer dumpfen Sehnsucht nach einer tiefen Liebe.
Denn ohne Liebe ist diese Welt eine tote Welt. Und es wird immer Stunden
geben, da Du der Gefängnisse der Arbeit und des Mutes müde bist und Dich
nach dem Antlitz eines Menschen verlangt und einem von Zärtlichkeit
verzauberten Herzen. (H. W. Klaus Jakob, 1980/81)
Damit wäre meine Antwort: "Die Fee ..." (lacht)
Hochbegabungswelt:
Und was wünschen Sie sich für die Welt der Hochbegabten?
Jona Jakob:
Für die Welt der Hochbegabten und Hochsensiblen wünsche ich mir,
dass diese Menschen das Glück erleben, in ihrem Leben möglichst oft
Momente zu erfahren, in denen sie von einem andern Menschen ganz und gar
gesehen, erfasst, gefühlt und verstanden werden können. Erst darin
vermag ein Mensch ganz sich selber zu werden.
Strecken Sie ihre recht Hand senkrecht mit den Fingern aneinander in die
Luft. Jeder Finger kann von den andern Fingern gerade mal so viel
verstanden, gefühlt und erwärmt werden, wie er den andern Finger
abzudecken vermag. Der Mittelfinger hat aber ein Stück weit keinen
andern, der dieses Stück zu erfassen vermag. Dieses fehlende Stück wird
von Geburt an weder gesehen, noch gefühlt, noch wahrgenommen oder
angenommen.
Jetzt legen Sie ihre linke Hand flach auf die offene rechte Hand, so
dass sich die beiden Mittelfinger abdecken - und entdecken Sie für sich
selber: Was glauben Sie, wie fühlt sich der Mittelfinger nun?
Damit wünsche ich mir für Menschen, die in sich anders sind als die
andern, viele Begegnungen mit ihresgleichen, weil die Seele sich dann
fallen lassen kann, ohne dabei aufzuschlagen oder verloren zu gehen.
Das gilt für HBs und HSPs, das gilt aber auch für viele andere Menschen,
die mit ihrer ganz eigenen Art und Weise aus dem Gross der Mitte
herausstechen. Eigen, einzig, wunderbar und angenommen.
Herzlichen Dank.
Das Interview mit Jona Jakob führte Lilli
Cremer-Altgeld für die
Hochbegabungswelt.
Lilli Cremer-Altgeld ist gelernte Radio- und
Fernseh-Journalistin mit dem Hintergrund: Politische Wissenschaft,
Medienwissenschaft, Soziologie, Psychologie und VWL sowie dem Abschluss
an der Kommunikationsakademie Köln. Im Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit hat sie über internationale
Wirtschaftspolitik berichtet und an der Privaten Uni Witten/Herdecke war
sie als Universitätskuratorin zuständig für die Presse. An der
Fortbildungsakademie der Deutschen Wirtschaft hat sie Marktforschung und
Kommunikation unterrichtet. Sie hat in Europa, Amerika sowie in Afrika
Seminare geleitet und im Busch von Afrika Frauen gecoacht. Köln hat sie
mit dem Museumsportrait 'Kölner Persönlichkeiten' ausgezeichnet.
Cremer-Altgeld ist Rednerin im Deutschen Rednerlexikon und arbeitet als
Journalistin, Beraterin und Coach. Zu ihren Klienten zählen
Bundesministerien, führende Wirtschaftsunternehmen und Persönlichkeiten
aus Politik, Wirtschaft und Kultur.
Coachingpraxis
Zürich
Jona Jakob
Klingenstr. 40 CH-8005 Zürich Coachingpraxis Frankfurt Schweiz: Deutschland: Kontakt |